Olympia ICR 412

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Olympia ICR 412

Der Olympia ICR 412 ist ein 12-stelliger anzeigender Tischrechner mit Nixie-Röhren. Intern arbeitet das Gerät mit 24 Stellen, und die Anzeige kann mit einer speziellen Taste jederzeit zwischen den oberen und den unteren 12 Stellen umgeschaltet werden. Vorgestellt wurde das Modell im September 1969; mein Exemplar ist von Anfang 1970.

Im Büromaschinenlexikon 1970/71 wird dieses Modell als „Elektronischer Tischrechner im Kleinformat“ beschrieben. Das wirkt angesichts eines Gewichts von 4,5 kg, einer Breite von 31 cm, einer Tiefe von 35 cm und einem Preis von 3150,- DM ein wenig seltsam, aber verglichen mit den RAE-Rechnern war der ICR 412 in diesen Punkten durchaus ein Fortschritt! Außerdem wirkt das keilförmige Gehäuse verglichen mit denen der Vorgängermodelle geradezu futuristisch. Es hat 1970 einen iF Design Award erhalten, aber das sollte man nicht zu hoch bewerten, denn das trifft auf fast alle Olympia-Rechner und -Schreibmaschinen der 1960er und 1970er Jahre zu – auch auf die Vorgängermodelle der RAE-Familie.

Ungewöhnlich ist die Gestaltung der Tastatur: Die Tasten sind quaderförmig, ohne jede Vertiefung oder Abrundung. Nur die [5] ist wie üblich fühlbar gestaltet. Dieses Design ist einmalig bei Olympia, denn es entspricht weder den Tasten der früheren Modelle, die im klassischen Schreibmaschinenstil gehalten sind, noch denen der nachfolgenden Modelle mit ihren typischen kreisrunden Tastenkappen. Hier wurde also noch nach dem richtigen Design gesucht!

Wie das Tastaturdesign ist auch die Typenbezeichnung mit „ICR“ einmalig bei Olympia. Möglicherweise ist es eine Weiterentwicklung der alten, schon bei mechanischen Rechnern verwendeten Bezeichnungen, bei denen 4/12 für einen Rechner für alle vier Grundrechenarten mit 12 Stellen stehen würde. Strenggenommen müsste der Rechner dann allerdings ICR 424 heißen, analog zum RAE 4/30, der seine 30 Stellen ja auch nicht auf einmal anzeigen kann. Was das „ICR“ bedeutet, kann man nur vermuten. Wahrscheinlich ist es ein Hinweis auf die verbauten ICs (anstelle der diskreten Transistoren in den RAE-Rechnern), würde dann also „IC-Rechenmaschine“ bedeuten. Wie auch immer, das „ICR“ taucht nie wieder auf, und die Modellbezeichnung aller folgenden anzeigenden Rechner beginnen mit „CD“, was wohl als „Calculator with Display“ zu verstehen ist, oder später mit „LCD“.

Die erwähnten Besonderheiten dieses Modells deuten stark darauf hin, dass es vor dem im gleichen Gehäuse sitzenden zwölfstelligen CD 400 erschienen ist, obwohl im Büromaschinenlexikon beide gemeinsam auftauchen. Dafür spricht auch das Alter meines ICR 412 sowie der anderen im Internet beschriebenen Exemplare: Sie sind etwas älter als meine vier CD 400; einige ICs stammen noch aus dem Jahr 1969. Auch hat der CD 400 seinen iF-Designpreis ein Jahr später erhalten als der ICR 412. Ein weiterer Hinweis findet sich im Inneren: Die Platinennummern haben noch nicht das von späteren Modellen gewohnte Format.

Bedienung

Auf den ersten Blick sieht die Tastatur erstaunlich modern aus; es gibt vier Tasten für die Grundrechenarten und eine [=]-Taste. Tatsächlich erfolgt die Eingabe nicht wie damals üblich im Addiermaschinenmodus, sondern wie bei einem modernen Taschenrechner. 5−3 rechnet man also mit der Tastenfolge [5][−][3][=] und nicht [5][+][3][−].

Die mit zwei Pfeilen beschriftete Taste rechts unten schaltet die Anzeige zwischen den oberen und unteren 12 Stellen um. Das geht auch, wenn oben nichts steht; das Display erscheint dann einfach völlig leer (führende Nullen werden nämlich unterdrückt). Der aktuelle Schaltzustand wird mit zwei nach oben und unten zeigenden Pfeilen rechts der Ziffernröhren angezeigt. Hat eine Zahl mindestens 13 Stellen (egal ob Eingabewert oder Ergebnis), leuchtet links von den Ziffern ein Linkspfeil auf, wenn das Display die unteren 12 Stellen zeigt. Nach einer Rechenoperation, die mehr als 12 Stellen liefert, zeigt der Rechner zunächst die oberen 12 Stellen. Genaugenommen erscheint von einer 13-stelligen Zahl nur die oberste Stelle; der „Umbruch“ erfolgt nämlich immer an der gleichen Stelle, egal wie groß die Zahl ist.

Links vom Ziffernblock findet man neben der [C]- und der [CA]-Taste (die [C]-Taste entspricht dabei einer heutigen [CE]-Taste), zwei einrastende Tasten, [D] und [S], sowie eine [M]-Taste. Letztere schreibt eine Zahl in den Speicher, der mit der auf der anderen Seite der Tastatur angeordneten [◇M]-Taste abgerufen werden kann. Auch die [S]-Taste hängt mit dem Speicher zusammen: Ist sie gedrückt, leuchtet das linke der drei Lämpchen über der Tastatur auf, und alle Ergebnisse werden mit der [=]-Taste in den Speicher aufaddiert. Es ist also eine Speicherautomatik. Leider ist bei meinem Exemplar die [=]-Taste defekt, so dass ich diese Funktion nicht testen konnte. Rechnen kann man jedoch auch ohne die [=]-Taste, da eine Operation auch mit [+] statt mit [=] abgeschlossen werden kann.

Die [D]-Taste ist eine Besonderheit des ICR 412 und zugleich ein kleines Rätsel. Sie dient zum Einstellen der Nachkommastellen: [D]-Taste einrasten, Ziffer (0 bis 9) eingeben, [D]-Taste wieder ausrasten. Abgesehen davon, dass eine solche Einstelltechnik sehr selten ist (man findet sie z.B. beim eng verwandten CD 400 sowie am Privileg 8 PPS), frage ich mich, warum hier eine teure und für den Anwender umständlichere einrastende Taste verwendet wurde und keine normale Taste. Gibt es vielleicht eine weitere, mir bisher verborgen gebliebene Anwendungsmöglichkeit? Es existiert allerdings eine zweite Bedruckungsvariante der Tastatur (siehe externe Links), die eher dagegen spricht: Dort ist die Taste nämlich auch nur mit „DEC. SET“ beschriftet.

Bei der Benutzung des Speichers muss man aufpassen: Er ignoriert nämlich die Kommaposition bzw. speichert diese nicht mit.

Gehäuse

Wenn etwas am ICR 412 normal ist, dann sind es die vier Schrauben, mit denen das Gehäuse zusammengehalten wird. Passend zu den Dimensionen des Rechners sind sie allerdings etwas größer als üblich.

Die Tastatur ist an der oberen Gehäusehälfte befestigt. Das Kabel ist jedoch erstaunlich lang, so dass man die Teile bequem nebeneinander hinlegen kann. Ist einem das beim Reinigen, Fotografieren oder Basteln immer noch zu unbequem, kann die Tastatur leicht vom Gehäuse abgeschraubt werden. Vom Rest des Rechners lässt sie sich allerdings nicht trennen, denn die Kabelenden sind ohne Steckverbindung angelötet.

Der Rest der Technik sitzt auf einem soliden Rahmen aus Aluguss. Dieser ist mit vier Schrauben auf dem Gehäuseboden befestigt und kann leicht herausgenommen werden. Zusätzlich muss man aber den Netzschalter und eine Kabelklemme abschrauben, denn auch dieser ist am Boden befestigt.

Im Gehäuseboden befinden sich hinten zwei Rollen, die das Rangieren des schweren Rechners auf dem Schreibtisch erleichtern. Vorne ist ein ausklappbarer Tragegriff aus Metall befestigt. Ungewöhnlich ist die Konstruktion des Displayfensters: Es bildet einen Hohlkörper mit einer inneren, fast senkrecht stehenden Scheibe und einer äußeren Schreibe, die bündig mit der Gehäuseoberseite abschließt. Die Teile dieser Einheit sind mit einander verschmolzen, aber wirklich dicht ist das Ganze nicht. Beim Reinigen sollte man also darauf achten, dass kein Wasser eindringt, denn man wird es nicht mehr so leicht los! Die flache Scheibe sorgt außerdem für unnötige Lichtreflexe, so dass es kein Wunder ist, dass man sie beim CD 400 weggelassen hat.

Innenleben

Trafo, Netzteilelektronik, Platinen und Speichereinheit des ICR 412 sind auf einem Rahmen aus Aluguss befestigt. Die meisten Komponenten sind schräg angeordnet, was die Höhe des Rechners in Grenzen hält.

Platinen

Es gibt insgesamt acht Platinen: Vier Hauptplatinen einschließlich der Displayplatine sind im hinteren Teil des Rechners schräg eingebaut. Sie sind über eine waagerechte Sockelplatine miteinander verbunden, auf der neben den Platinensteckern auch die Kabel von Tastatur und Speichereinheit angelötet sind. Die Tastatur hat wie üblich eine eigene Platine, und außerdem gibt es zwei Platinen an der Netzteileinheit, von denen die kleinere nur für die Entstörung zuständig ist.

Die vier Hauptplatinen werden von seitlichen Kunststoffrahmen fixiert, die es erlauben, die Platinen sauber geführt einzusetzen und wieder herauszuziehen. Ein abnehmbarer Blechrahmen verhindert, dass die Platinen nach oben heraus rutschen. Leider sind die Gummiteile, die zwischen diesem Rahmen und den Platinen sitzen, nach so langer Zeit ziemlich spröde und zerbrechlich. In meinen CD 400 sind einige Bruchteile noch brauchbar, aber im ICR 412 sind es nur noch Brösel. Die Platinen sitzen jedoch auch so sehr fest, und man muss sanfte Gewalt anwenden, um sie aus ihren Sockeln herauszubekommen.

ICs

Die Logik des ICR 412 besteht aus 151 schwach integrierten ICs (SSI), die elementare Schaltungen wie NAND-Gatter und Flipflops enthalten. Dabei finden sich auf der ersten (hintersten) Platine 47 ICs, auf der zweiten 49, auf der dritten 46 und auf der Displayplatine 9, von denen 7 unter den Röhren versteckt sind. Fast alle ICs sind von Philco, gehören aber größtenteils zu einer von Fairchild entwickelten Familie von Logik-ICs (DTµL 930).

Es sind nur wenige verschiedene Typen vorhanden (Funktionsangabe lt. dopecc.net): 9093 (dual JK flipflop), 9930 (dual 4-input expandable NAND), 9932 (dual 4-input expandable buffer NAND), 9936 (hex inverter), 9946 (quad 2-input NAND) und 9962 (triple 3-input NAND). Den Nummern ist jeweils eine 59 angehängt, die für den zulässigen Temperaturbereich steht.

Alle voranstehenden ICs haben 14 Beinchen. Es ist jedoch auch ein einziges 16-beiniges IC vorhanden, das unter den Anzeigeröhren versteckt ist. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um ein Signetics CC193B, das sich auch in den Modellen CD 400, CD 200 und CD 700 findet, bzw. um einen gleichwertiges IC. Es ist vermutlich ein BCD-Dekoder zur Auswahl der korrekten Ziffer in den Nixie-Röhren.

Speicher

Eine Besonderheit des Rechners ist der Speicher. Wegen der damals hohen Kosten für aus Halbleiterelementen aufgebaute Speicher bzw. Register hat der ICR 412 einen Verzögerungsspeicher bzw. Laufzeitspeicher (engl. „Delay Line Memory“), bei dem der Speicherinhalt im Prinzip als eine im Kreis laufende Folge mechanischer Schwingungen repräsentiert wird. Ein solcher Speicher besteht im wesentlichen aus einem langen, in Schleifen befestigten Draht und befindet sich beim ICR 412 in einer schützenden Metallhülle, die ich mich nicht zu öffnen getraut habe. Unter externe Links findet man eine Beschreibung und Abbildungen eines solchen Speichers.

Der Typ des im ICR 412 eingebauten Speichers ist Matsushita JM-250. Er hat eine Verzögerungszeit von ca. 500 µs – so lange braucht ein Bit, um den Speicherdraht zu durchlaufen.

Tastatur

Die Tastatur hat 24 Tasten, von denen zwei einrastend sind. Die übrigen arbeiten mit unverwüstlichen Reed-Kontakten. Zur Abfrage wird keine Tastaturmatrix verwendet, sondern jede Taste hat ihr eigenes Kabel. Der Kabelbaum ist deswegen relativ dick, zumal er auch noch die Adern für die drei am Tastaturrahmen angebrachten Lämpchen enthält.

Alle diese Kabel sind an der Sockelplatine angelötet, so dass man auf den ersten Blick nicht sagen kann, welche der Platinen für die Tastaturabfrage zuständig ist. Da bei meinem Exemplar die [=]-Taste funktionslos ist (wahrscheinlich das zuständige IC, denn der Reed-Kontakt ist in Ordnung), werde ich der Sache evtl. noch genauer auf den Grund gehen.

Die Unterseite der Tastatur wird von einem hellblauen Kunststoffdeckel geschützt. Er verhindert nicht nur eine Beschädigung der Reed-Schalter, sondern sorgt auch dafür, dass die Tastatur sauber auf der im gleichen Winkel geneigten Speichereinheit aufliegen kann.

Verwandtschaft

Gebaut wurden der ICR 412 und sein bereits erwähnter enger Verwandter CD 400 von Matsushita (Panasonic), so wie auch die meisten anderen „außer Haus“ gebauten anzeigenden Rechner von Olympia. Das Gehäusedesign scheint olympia-spezifisch zu sein, aber es gibt einige Panasonic- bzw. National- bzw. Panac-Modelle, die auf der gleichen mechanischen Konstruktion basieren wie der ICR 412: der Panasonic 1200 (JE-203), der National Panac-1202 (JE-202), der National Panac-1206 (JE-206) und der National Panac-12W (JE-240).

Letzterer ist das älteste dieser Modelle und laut www.dentaku.com der erste von Matsushita gebaute Rechner, wobei der Anlass der Auftrag von Olympia war. Er ist mit dem ICR 412 auch am engsten verwandt, und wie dieser arbeitet er intern mit 24 Stellen. Abweichend ist die Gehäuseform und die Anordnung der Statuslämpchen, weswegen er eine andere Displayplatine hat.

Die Displayplatine des 12-stelligen Panasonic 1200 ist für 14 Anzeigeröhren ausgelegt, was nahelegt, dass es ein verwandtes 14-stelliges Modell gibt. Dieses ist jedoch nicht der 14-stellige CD 700, denn er hat ein etwas moderneres Innenleben und eine abweichende Displayplatine.

Ebenfalls in diese Gruppe gehören der Ricoh 2420, ebenfalls eine Variante der 24-stelligen-Konstruktion, sowie die beiden Olympia-Modelle CD 300 und CD 700.

Galerie

Eigenes Exemplar

  • Inv.Nr. 5040, Seriennummer 0104-20319, Baujahr 1970, Zustand: grundsätzlich funktionsfähig, aber [=]-Taste funktionslos, und z.T. seltsames Verhalten der Dezimalkommalogik. Ungleichmäßig vergilbt.

Externe Links

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